Mittwoch, 7. September 2016

Rezension: Es wird keine Helden geben - Anna Seidl

© Oetinger
Es wird keine Helden geben
| Anna Seidl |

Verlag: Oetinger 2014
Seiten: 256 
ISBN: 9783789147463

MEINE BEWERTUNG 

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Psychogramm einer traumatisierten Jugendlichen

Was als normaler Schultag beginnt, endet in einem Loch aus Trauer, Unverständnis und absoluter Fassungslosigkeit. Zu Beginn der Pause fällt der erste Schuss, der dem unbeschwerten Alltagstrott von Schülern, Lehrern und Familien ein knallhartes Ende setzt.

Miriam wird vom Amoklauf an ihrer Schule brutal aus ihrem bisherigen Leben katapultiert. Sie sieht ihren Freund Tobi, der mit einer Schusswunde am Boden liegt, ihren Schulkollegen Phillipp, der wimmernd vor der Klotür kniet, und den Jungen mit der Waffe in der Hand, für den niemand ein nettes Wort übrig hat.

Die ersten Seiten sind packend, schockierend und lassen einen sprachlos den Boden unter den Füßen verlieren. Man ist mit Protagonistin Miriam mitten im Amoklauf. Es ist laut und leise zugleich, ein Schuss knallt, während angestrengt versucht wird, Atemgeräusche zu unterdrücken und man sich im Versteck nicht zu bewegen wagt. Doch so mitreissend diese ersten Seiten und das Schlüsselereignis des Romans geschrieben sind, so schnell flaut die Handlung im eher lauen Psychogramm einer Jugendlichen ab.


Vielleicht bin ich mit den falschen Erwartungen an dieses Buch gegangen, aber mich konnten Miriams Seelenqualen im Anschluss nicht so richtig bei der Stange halten.


Miriam ist nach diesem einschneidenden Erlebnis erstarrt und weiß nicht, ob und wie sie danach weitermachen kann. Der Großteil der Geschichte beschäftigt sich mit Miriams Geisteszustand und wie dieses erschütternde Erlebnis ihr Leben aus den Angeln gehoben hat.


Hier war es interessant zu erfahren, dass danach nichts mehr weitergeht wie es davor gewesen ist. Ob es nun der Freundeskreis, die Familie oder einfach der Weg zum Supermarkt ist, die Person die man zuvor war, ist mit den anderen mitgestorben und Miriam muss als Überlebende ihr neues Ich entdecken.


„Es ist wie bei einem Puzzle. Jeden Tag nehme ich ein Puzzleteil und füge es hinzu. Jeden Tag lerne ich mich wieder ein bisschen besser kennen.“ (S. 144)


Wie man an meiner kurzen Ausführung schon sieht, dreht sich die Handlung um Miriams Seelenpein. Es ist egal, ob man einen lieben Angehörigen verliert oder von einem Schicksalsschlag anderer Art gezeichnet wird, die Person, die man vorher war, wird man nie wieder sein. Der Amoklauf dient lediglich als Auslöser von Miriams Gefühlsleben und ist von der erzählerischen Umsetzung her, relativ leicht austauschbar.


Ich hätte gern mehr über den Amoklauf selbst erfahren und darüber, wie sich Schüler, Lehrer und Eltern in ihrer Gesamtheit fühlen, anstatt einen derart tiefen Einblick in die Seele eines gepeinigten Mädchens zu erlangen. Es gibt Szenen, da sitzt Miriam über Seiten hinweg in ihrem Zimmer und denkt über alles Mögliche nach. Ich bin mir sicher, dass es Leser gibt, die darauf ansprechen, für mich war es schon fast eine Qual.


Allerdings hat mir die Beziehungsebene gut gefallen. Die Autorin hat gezeigt, dass durch einen Amoklauf Menschen, Gemeinschaften und Freundeskreise zerbrechen, weil jeder für sich immer wieder durch die Hölle geht und sich nicht mehr auf andere einlassen kann.


Obwohl der Amoklauf als Aufhänger dient, driftet mir die Geschichte zu sehr in die Psyche einer traumatisierten Jugendlichen ab. Trotzdem hat Anna Seidl ein brisantes Thema aufgegriffen und ein gutes Debüt geschrieben, das mich zwar nicht vollkommen überzeugt aber dennoch zum Nachdenken angeregt hat.

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MEINE BEWERTUNG
★★



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Kommentare:

  1. Hi Nicole,

    das Buch habe ich auch vor einer gefühlten Ewigkeit gelesen. Es war ganz gut, aber ich hätte mir auch gewünscht, dass der eigentliche Amoklauf mehr im Mittelpunkt steht! Für ein Debüt aber echt nicht schlecht!

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Hallo Jessi,

      nein, schlecht war es auf keinen Fall, aber bis auf die ersten Seiten hat es mich nicht gepackt. Wahrscheinlich hat auch der Klappentext daran schuld.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hey =)

    Ich fand die Umsetzung des Themas wirklich gelungen. Zum Glück ist das Buch nicht autobiographisch, denn das wünscht man sicher niemandem, aber die Formulierungen der Gefühlswelt klingen so überzeugend, dass ich zuerst dachte, dass die junge Autorin das vielleicht selbst erlebt hat.

    LG
    Anja

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    1. Hallo Anja,

      stimmt, wenn es die tatsächlichen Erlebnisse der Autorin wären, das wäre ein richtiger Schocker. Wahrscheinlich hätte ich es dann aber nicht gelesen. Ich habe gern eine Knautschzone zwischen mir und der harten Realität, bei Büchern.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hallo :)

    ich verstehe dich Ich hatte mir auch etwas ganz anderes vorgestellt und war dann sehr enttäuscht.. Hast du "19 Minuten" von Jodi Picoult gelesen? Das geht auch in die Richtung, hat mir aber wesentlich besser gefallen!

    Liebe Grüße
    Meiky

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    1. Hallo Meiky,

      nein, ich habe noch nie etwas von Jodi Picoult gelesen. Das sollte ich vielleicht mal ändern. Danke für den Tipp!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  4. Dieses Buch habe ich auch schon seit langem ungelesen bei mir Zuhause und bisher ist es mir immer empfohlen worden. Ich habe auch richtig Lust drauf, weil mir "Neunzehn Minuten" von Picoult damals so gut gefallen hat. Ich glaube oder hoffe aber nicht, dass mir Miriams Seelenleben auf die Nerven gehen wird - ich finde das eigentlich schon sehr interessant, was so ein Amoklauf in einem Menschen auslösen und verändern kann ...

    Nicole, ich finde, dass sich deine Rezension sehr spannend liest - besonders die ersten 3 Absätze! ;)

    Alles Liebe,
    Janine

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    1. Hallo Janine,

      ich glaube, es kommt hier auch sehr auf die Erwartungshaltung an. Mir war nicht bewusst, dass Miriams Seelenleben so im Vordergrund steht und daher bin ich mit total falschen Vorstellungen an das Buch herangegangen. Interessant war es auf jeden Fall und ich hoffe, dass du dich besser auf Miriam einlassen kannst.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  5. Hallo Nicole,
    ich habe das Buch gelesen und mir hat es sehr gut gefallen (19 Minuten ist aber noch besser und kann ich dir wirklich empfehlen!) Ich war damals beeindruckt von der so jungen Autorin, die in ihrem Roman die Gefühle und all die Probleme nach dem Amoklauf so gut rüberbringen konnte. Für mich fühlte es sich schon fast autobiographisch an...Gott sei Dank war es dass ja nicht. Mit 16 Jahren so ein Buch zu schreiben fand ich wirklich großartig und beeindruckend! Deshalb gab es bei mir auch alle 5 Sterne.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hallo Martina,

      stimmt, für 16 Jahre war es schon sehr beeindruckend und die harte Wendung, die das Leben nach so einem Schicksalsschlag nimmt war gut herausgearbeitet. Aber mir hat das Buch trotzdem nicht zu 100 % gefallen und ich bewerte das Buch und nicht die Autorin. Wenn sie 12 gewesen wäre, hätte ich auch nicht mehr Sterne gegeben. 3 Sterne sind jedenfalls nicht schlecht.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  6. Hallo Nicole,

    ich kann deine Gedanken nachvollziehen - auch mich hat das Buch nicht 100% überzeugt und auch ich denke, dass ich vor allem an meiner eigenen Erwartung gescheitert bin.

    Alles Liebe,
    Anna

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    1. Hallo Anna,

      wenn mir bewusst gewesen wäre, dass es um Miriams Seelenleben geht, dann hätte ich es wahrscheinlich gar nicht gelesen. Jedenfalls habe ich für mich eine Bildungslücke gefüllt, weil das Buch wertvoll ist und gerade für jugendliche Leser bestimmt geeignet ist.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  7. Hey :)

    das Buch habe ich auch schon vor langer Zeit einmal gelesen und mir ging es ganz ähnlich wie dir. Miriam war für mich auch nicht ganz einfach zu händeln und irgendwie habe ich es nicht geschafft, eine Verbindung zu ihr und ihrem Gefühlsleben zu entwickeln. Ich hätte mir auch etwas anderes von dem Buch gewünscht. Hast du übrigens sehr gut geschrieben, deine Rezi :).

    Liebe Grüße
    Insi Eule

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    1. Hallo Insi,

      ich freue mich, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin! :) Miriam hat's mir wirklich schwer gemacht, dabei ist ihre Entwicklung auch nachvollziehbar. Es war wohl einfach nicht meins und ich denke, dass hier auch meine Erwartungshaltung eine Rolle gespielt hat.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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