Dienstag, 24. Mai 2016

Rezension: All die verdammt perfekten Tage - Jennifer Niven

© Random House
All die verdammt perfekten Tage
| Jennifer Niven |

Verlag: Random House Audio 2015
Dauer: 505 min (gekürzt)
ISBN: 9783837131444
Sprecher: Annina Braunmiller-Jest/Patrick Mölleken

MEINE BEWERTUNG

 ★★★★ - 


In den emotionalen Abgrund hinab 

Finch schaut vom Glockenturm aus in den Abgrund hinab und fragt sich, ob ein perfekter Tag zum Sterben ist. Aber auch Violet ist offenbar aus einer ähnlichen Motivation dort oben aufgetaucht. Statt sich einzeln in die Tiefe zu stürzen, versuchen sie gemeinsam wieder nach unten zu kommen.

Obwohl dieses Buch allerorts in hohen Tönen gelobt wird, kann ich mich dem nicht ganz anschließen. Ja, es ist eine schöne Geschichte, sie ist traurig und teilweise herzzerreissend, doch sie hat mich nicht vollkommen überzeugt.

Die Geschichte wird abwechselnd von den Protagonisten Finch und Violet erzählt, wobei sich die Handlung auf ihre Freundschaft, gegenseitige Zuneigung sowie Unterstützung und Selbstmordgedanken stützt.


Laufend werden Statistiken zu Selbstmordarten eingestreut, die Finch trocken schildert und über die er nachdenkt. Denn er hat ein ausgeprägtes Interesse daran und beschäftigt sich ständig damit.


Der Junge selbst ist ein schwieriger Charakter, der mir im Verlauf der Handlung immer mehr auf die Nerven ging. Eigentlich stellt es sich so dar, als ob er ein Jugendlicher auf einem Selbstfindungstrip ist, was im Grunde genommen völlig in Ordnung ist. Jedoch hat er nicht nur eine Neigung zu diversen Selbstmordarten und Statistiken, die im Jugendalter gar nicht so abwegig ist, sondern zudem eine äußerst ungesunde Haltung sich selbst, anderen und dem Leben gegenüber, was mich rasch zu einer laienhaften Ferndiagnose verleitet hat, die sich im späteren Verlauf der Geschichte sogar bestätigt hat.

Violet hat es ebenfalls schwer, weil sie den Unfalltod ihrer Schwester verarbeiten muss und sie die Oberflächlichkeit ihres bisherigen Lebens zum Zweifeln bringt. Da scheint der charmant-witzige Finch ein wahrer Lichtblick zu sein.


Beide Jugendliche haben nicht nur vom Glockenturm dem Tod ins Auge gestarrt, sondern befinden sich in psychologischer Betreuung und daher kann ich einfach nicht nachvollziehen, dass keiner merkt, was hier vor sich geht. Natürlich sagen Jugendliche nicht die Wahrheit, wenn sie einem Psychologen gegenübersitzen - wie übrigens die meisten Erwachsenen auch - aber ein Profi hätte meiner Meinung nach schon viel, viel früher ernsthaft Alarm geschlagen und es gar nicht so weit kommen lassen.


Die Traurigkeit liegt also nicht nur im Schicksal der Jugendlichen, in ihren Bewältigungsstrategien und dem Versuch sich gegenseitig zu stützen, sondern im sozialen Umfeld, das hier vollkommen versagt hat.


Trotzdem gefällt es mir, wie Finch und Violet gemeinsam versuchen, dem depressiv-apathischen Sog ihres Daseins zu entgehen und sich dazu auf eine emotionale Wanderschaft quer durch ihren Bundesstaat begeben.

Die Erzählung ist sehr emotional aufgebaut und konnte mich trotzdem nicht tief genug berühren. Die Situation von Finch und Violet hat auf mich zu realitätsfern gewirkt, sodass ich ihnen nicht glauben und mich nicht ganz auf sie einlassen konnte. Entweder bin ich zu kaltherzig oder die Geschichte war mir zu aufgesetzt, wobei es wahrscheinlich eine Mischung aus beiden Gründen ist.


Wenn ich diese Aspekte nicht weiter berücksichtigte, bleibt aber trotzdem eine sehr schöne, zarte Liebesgeschichte, die von den schwierigen Seiten des Lebens, dem Erwachsenwerden und dem Umgang mit Trauer erzählt.

________________
MEINE BEWERTUNG
★★★★★


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Kommentare:

  1. Hört sich ja gar nicht so toll an, dann doch lieber nicht.

    ♥liche Grüße - Lenchen

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    1. Hallo Lenchen,

      es ist eine schöne Geschichte, auch wenn sie mich nicht in allen Punkten überzeugt hat.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hallo,

    das Buch liegt bei mir noch am SuB ... ich hoffe, doch sehr, dass es mir besser gefällt.

    lg
    Marie

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    1. Hallo Marie,

      ja, hoffentlich gefällt's dir besser. Im Grunde war es aber kein schlechtes Buch!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hi Nicole,

    Das Buch habe ich auch vor einer gefühlten Ewigkeit gelesen und ich muss sagen, es hat bei mir auch keinen so rechten bleibenden Eindruck hinterlassen! Ich weiss ich, dass ich es aber an und für sich gut fand vom Stil und vom Aufbau, aber so recht berühren wollte es mich trotz der Thematik nicht. Eigentlich gab's ja auch eine echt traurige Stelle,die mich aber auch nicht so recht berühren konnte! Aber du hast recht, die Liebesgeschichte fand ich auch ganz süss! :-)

    Liebe Grüsse
    Jessi

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    1. Hallo Jessi,

      jetzt bin ich etwas beruhigt, dass es dich auch nicht umhauen konnte. Wahrscheinlich bin ich aufgrund der vielen Lobgesänge auch mit viel zu hohen Erwartungen an die Geschichte gegangen. Schlecht war das (Hör-) Buch ja nicht, aber eben nicht so umwerfend, wie ich gedacht hatte.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  4. Hallo Nicole,

    ich fand das Buch echt gut und es hat mich auch absolut berührt. Ich kann deine Kritikpunkte aber natürlich dennoch nachvollziehen.

    Ich hab dich übrigens endlich mal in meiner Blogrole dazu gefügt, hatte ich irgendwie immer vergessen.

    Liebe Grüße, Ally

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    1. Hallo Ally,

      vielleicht bin ich auch mit zu hohen Erwartungen an das Buch gegangen? Irgendwie war es leider nicht meins, aber zum Glück sind wir alle unterschiedlich.

      Danke! :-) Das freut mich total!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  5. Hallo Nicole,

    ich stimme deiner Rezension vollkommen zu. Ich finde ja, dass die Autorin sich nicht so ganz mit dem Thema beschäftigt hat. Die Sachen hast du schon genannt, wie, dass, wenn man bei einem Psychologen/Psychiater in Behandlung ist, dass dieser das nicht mitbekommt. Das ist so unwirklich. Natürlich gibt es einige Fälle, dass schon, aber hier fiel es selbst jemandem auf, der keine Ahnung von dem Thema hat. nur der gute Psychologe hatte keine Ahnung.
    Persönlich muss ich sagen: Das Buch hat mich noch nicht einmal berührt. Für mich waren die Charaktere nicht überzeugend genug. Finch mit seiner Einstellung erstmal alles in Statistiken zu formen war... nun ja... weder grotesk noch wirklich glaubwürdig. Er klang eher nach jemand, der Aufmerksamkeit wollte. Dann die multiple Persönlichkeit, die dazu kam, sich aber doch nicht so richtig zeigte. Er war zu viele Personen auf einmal, hatte nie so richtige Ausprägungen seiner Krankheit, sondern nur das, was man oberflächlich von jedem hört.
    Das realitätsfern, wie du es beschreibst, dass stimmt. Es war alles so aufgesetzt, so gewollt. So als ob "Ich brauche jetzt etwas, wo jeder heulen muss". Das war nicht so ganz stimmig mit der ganzen Story und den vermeintlichen Charakteren.
    Aber, nein, ich nehme dir gleich mal eine Last von den Schultern. Kaltherzig bist du nicht!

    Liebe Grüße da lass
    Sarah

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    1. Hallo Sarah,

      danke! Das baut mich jetzt auf!

      Bei einem Psychiater/Psychologen könnte ich es mir sogar noch vorstellen, aber hier waren mehrere Profis am Werk und das kann ich einfach nicht glauben.

      Genau! Die ganze Geschichte hat auf die Tränendrüse gedrückt, aber dabei nur an der Oberfläche gekratzt. Es wurden zu viele Themen oberflächlich angeschnitten und der gesamten Handlung hat es an notwendiger Tiefe gefehlt. Ich muss dir zustimmen, ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sich die Autorin bei der Recherche zu ihrem Buch nicht über Laienliteratur hinaus Informationen besorgt hat, sondern einfach um allgemein Bekanntes eine Geschichte gesponnen hat. Trotzdem hat es ja bei vielen Lesern funktioniert, vielleicht waren unsere Ansprüche zu hoch?

      Liebe Grüße,
      Nicole

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