Dienstag, 1. März 2016

Rezension: Kaltblütig - Truman Capote

© Kein & Aber
Meine Bewertung ★★★★

SHORT FACTS

Titel: Kaltblütig
Autor: Truman Capote
Verlag: Kein & Aber 2013
Seiten: 544
ISBN: 9783036959030

Ein kaltblütiger Mordbericht

Im Jahr 1959 wird im kleinen Ort Holcomb in Kansas die hochangesehene vierköpfige Familie Clutter in ihrem Haus ermordet aufgefunden. Wochen danach werden die beiden Täter gefasst und später an den Galgen gebracht. Der Autor Truman Capote recherchiert, setzt sich mit Tätern und Opfern auseinander und verfasst diesen Tatsachenbericht.

Während der Lektüre muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Mit morbider Faszination hat mich Capote von Beginn an richtig reingezogen. 

Zuerst schildert er die Familie Clutter, die sich durch Fleiß und harte Arbeit einen gewissen Wohlstand in der Kleinstadt Holcomb geschaffen hat. Herbert und Bonnie leben mit ihren beiden fast erwachsenen Kindern Nancy und Kenyon auf der Farm und sind dabei eine richtige Bilderbuchfamilie!  Alles ist so perfekt, alle sind so nett, hilfsbereit und lieb, dabei kann man kaum glauben, dass es bald mit ihnen vorbei sein soll.

Capote vermittelt ein sehr authentisches Bild von dieser Familie. Man sieht sie richtig vor sich, wie sie ihre letzten Stunden verbringen und sich mit den meist kleineren Sorgen des Alltags quälen. Dabei habe ich mich gefragt, wie es wohl für den Autor selbst bei seiner Recherche war, als er sich mit den Mordopfern beschäftigt hat.

Trotz dieser - teilweise unbekümmerten - Beschreibung, hängt der Mord wie eine Wolke über ihnen. Dann ist es auch schon so weit und die Familie wird tot aufgefunden.

Die Erzählung hat mich von Anfang an gefesselt. Obwohl Capote die Schilderung eher nüchtern angeht, wird man als Leser so richtig ins Grauen gezogen. Man weiß von Vornherein was passiert und kann es trotzdem nicht glauben.

Denn genauso nüchtern wie die Mordopfer, geht Capote die Beschreibung der Täter an. Eigentlich kann man es kaum fassen, dass sie wirklich dazu in der Lage sind, und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sich die Ereignisse zuspitzen. Die Existenzen der Familie Clutter und der Mörder laufen nebeneinander her, bis sie aufeinanderprallen und die eine die andere vernichtet hat. Das ging richtig unter die Haut.

Spannend sind auch die darauffolgenden Ereignisse zu verfolgen. Da Holcomb schlicht und einfach ein Kaff ist und sich niemand das Mordmotiv erklären kann, überschattet die Bluttat den gesamten Ort. Denn viele befürchten, die nächsten an der Reihe zu sein. Währenddessen begleitet man die Täter Perry und Dick auf ihrer unspektakulären Flucht über der Verhaftung bis sie letztendlich die Strafe für den Vierfachmord erhalten und am Galgen baumeln.

Bewundernswert ist für mich, dass ich niemals ein Urteil aus Capotes Zusammenfassung der Ereignisse herausgelesen habe. Weder Vorurteile gegenüber Tätern, Opfern oder des anschließenden Prozesses sowie der Todesstrafe sind mir aufgefallen, sondern der Autor fährt in einem betont emotionslosen - beinah kaltblütigen -  Stil fort und ermöglicht damit dem Leser, sich ein eigenes Bild über das Verbrechen und seine Konsequenzen zu machen.

Truman Capotes „Kaltblütig“ ist wahrlich keine leichte Kost. Trotzdem hat mich der Autor mit morbider Faszination an diesen Bericht gefesselt. Es ist eine meisterliche Zusammenfassung über ein grauenhaftes Verbrechen, das sich wohl tatsächlich so ereignet hat.


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Kommentare:

  1. Ich muss zu meiner Schande gestehen, noch keinen Capote gelesen zu haben, obwohl mich vor allem auch dieses Buch schon lange interessiert. Immerhin bestätigst du mir, dass es sich wirklich lohnt :)

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    1. Capote lohnt sich auf jeden Fall! Ich habe auch "Frühstück bei Tiffany" gelesen, was das totale Gegenteil (vom Inhalt her) zu diesem Buch ist, aber sich sogar Favoritenstatus bei mir verdient hat. :-)

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    2. Das klingt klasse! Du machst mich echt neugierig :)

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  2. Hallo Nicole,
    ich kann ergänzend zum Buch noch den Film "Capote" empfehlen, der im Wesentlichen die Entstehung von "Kaltblütig" behandelt.
    Liebe Grüße
    Thomas

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    1. Hallo Thomas,

      den Film "Capote" habe ich vor Jahren mal gesehen, damals konnte ich allerdings nicht viel damit anfangen. Vielleicht schaue ich ihn mir noch einmal an, jetzt kenne ich ja die Hintergründe besser.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hallo Nicole,

    so begeistert wie deine Rezension klingt, so sehr schreckt mich die Tatsache ab, dass es auf einer wahren Begebenheit beruht doch eher ab. Das fände ich wohl zu gruselig. :(

    Aber gewiss wird es Liebhaber für dieses Buch geben, die ebenso begeistert sind wie du. :)

    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. Hallo Anna,

      ja, dass es sich dabei um eine wahre Begebenheit handelt muss man schon verkraften. Es ist total erschreckend, wie Capote von den damaligen Ereignissen berichtet und gleichzeitig so spannend, dass man sich dabei wie ein Voyeur und recht unbehaglich fühlt.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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