Sonntag, 6. Dezember 2015

Rezension: Runa - Vera Buck

© Random House

Meine Bewertung ★★★★


SHORT FACTS

Titel: Runa
Autor: Vera Buck
Verlag: Limes 2015
Seiten: 608
ISBN: 9783809026525

   

Fesselnde Medizingeschichte

Paris 1884. Das Hôpital de la Salpêtrière verfügt über die modernste neurologische Abteilung von ganz Europa. Hier wird Medizingeschichte geschrieben, hier geben sich die ganz Großen gegenseitig die Klinke in die Hand, hier führt der berühmte Arzt Charcot seine wissenschaftlichen Kunststücke in gut gefüllten Hörsälen vor. Und Jori Hell sieht seine Chance bei Charcot seine Dissertation zu schreiben, um den ersehnten Doktorgrad zu erlangen, indem er den Wahnsinn aus dem Kopf der Patientin Runa schneidet.

Der Protagonist Jori ist Arzt und hat für seine Dissertation die berühmteste Klinik Europas gewählt, die Salpêtrière. Hier regieren die Ansichten von Charcot, hier zeigt der bekannte Neurologe seine Kunststücke an hysterischen Patienten im Hörsaal vor und hier findet man, neben einer aufstrebenden Masse junger Ärzte, große Namen, die gebannt an den Lippen des Klinikleiters hängen.

Vera Buck hat mich gemeinsam mit Jori in den Hörsaal gesetzt, hier haben wir Charcots Darbietung bestaunt, vor Ekel den Mund verzogen oder vor Staunen aufgerissen. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als würde ich dem Spektakel persönlich beiwohnen, habe mich wissbegierig mit Jori umgesehen und dabei u.a. die Herren de la Tourette (Tourette-Syndrom) und Pasteur (pasteurisieren) entdeckt. 

Der Aufbau der Geschichte entspricht einer wissenschaftlichen Arbeit, also dem Forschungsprozess, wie er sich seit damals nicht verändert hat. Entdeckungen bringen Nachforschungen mit sich, münden in Hypothesen, sind von Komplikationen durchzogen und werden im günstigsten Fall zur Veröffentlichung gebracht.

Daneben wirft die Autorin weitere Handlungsstränge auf. Man stellt gemeinsam mit einem ehemaligen Polizisten Nachforschungen an und erlebt die Ereignisse durch einen Jungen, der sich unabsichtlich in Verstrickungen rund um die Salpêtrière begibt. Denn Runa hat in ihrer geistigen Umnachtung in halb Paris Botschaften hinterlassen, die nicht nur bei den Medizinern Interesse wecken.

Ungeschönt beschreibt die Autorin die Zustände in der Salpêtrière, die damals gang und gäbe waren und stellvertretend für den Umgang mit geistig erkrankten Menschen im Namen der Wissenschaft stehen:

„Die Salpêtrière mochte die berühmteste Klinik in ganz Frankreich sein. Sie mochte die modernste sein. Doch nichts konnte über die Tatsache hinwegtäuschen, dass inmitten dieser Modernität rund 4000 Kranke, Alte und Verrückte lagen, die jammerten, weil sie starben, oder heulten, weil sie noch lebten.“ (S. 35)

Die Salpêtrière hat Medizingeschichte geschrieben. Undenkbar, wo die heutige Neurologie wäre, wären die damaligen Forscher nicht über Leichen gegangen. Vera Buck zeigt auf eindrucksvolle Weise, welcher Preis für die medizinischen Errungenschaften der Gegenwart bezahlt wurde, welche Opfer gebracht wurden und welche Scheußlichkeiten sich hinter verschlossenen Türen ereigneten. Und die Autorin gibt diesen Gräueltaten einen Namen und ein Gesicht: „Runa“, eine Stellvertreterin für die tausenden von alten, kranken und falsch behandelten Patienten, die in der kultivierten Salpêtrière unter dem Deckmantel des medizinischen Fortschritts das Grauen der Moderne ertragen mussten.

Wer sich für die Irrungen, Wirrungen und Errungenschaften der Medizin interessiert, einen starken Magen hat und das Grauen hinter den Wänden der Salpêtrière ertragen kann, wird hier auf ein fesselndes Werk stoßen, das mir ausgezeichnet gefallen hat.


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Kommentare:

  1. Hi Nicole ;)

    Mit dem Buch habe ich auch schon ein paar Mal geliebäugelt ;) (Ja, wir scheinen echt einen ähnlichen Geschmack zu haben! ;)) Ich war mir nur unsicher, ob es was für mich ist, vor allem wegen den ganzen Hintergründen zur Medizin, obwohl mich das jetzt aber schon interessiert! ;) Es scheint ja ein sehr starkes Buch zu sein! ;)

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Hallo Jessi,

      ja, stimmt, wir haben tatsächlich einen sehr ähnlichen Buchgeschmack. Die medizinischen Hintergründe muss man schon mögen, weil fast das ganze Buch daraus besteht. Schon allein der Aufbau ist an die Wissenschaft und damit die Hintergründe angelehnt. Ja, es ist wirklich stark, aber schlimm ist halt, dass man denkt, so war es halt früher, doch es ging bis in die 1970er-Jahre hinein in der Psychologie/Psychiatrie/Neurologie genauso grausig weiter. Von den Jahrzehnten danach weiß ich nicht so viel ... Jedenfalls wird in Romanform gezeigt, wie es in so einer Klinik zugeht/zugegangen ist und wie wir überhaupt zu den medizinischen Fortschritten kommen. Wirklich heftig.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Solche Arten von Thriller finde ich ganz besonders gut. Ich mag dieses Psycho zeug in Anstalten :-) Aber schon heftig, wenn man daran denkt, dass das tatsächlich alles so gewesen sein könnte. Ich kanns mir gut vorstellen und gerade DAS Jagd mir eine Scheiß Gänsehaut über den Rücken. Mein Interesse hast du auf jeden Fall geweckt. Wo ist die nächste Buchhandlung? ;-)

    Liebe grüße
    Lina's BücherTraumWelt

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    1. Hallo Lina,

      als Thriller würde ich es gar nicht bezeichnen, weil es meistens relativ ruhig zugeht. Aber es ist verdammt gut und gerade die Anfänge der Medizin reizen mich immer sehr.

      Außerdem, grad wer weiß, was sich in unserer Gegenwart alles hinter verschlossenen Türen abspielt? Da laufen Experimente, über die will man gar nicht nachdenken. Nächstes Jahr soll ein Kopf auf einen neuen Körper gesetzt werden (Kopftransplantation!).

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hey,
    hört sich schon interessant an, bin aber noch nicht so sicher ob das etwas für mich ist und da mein SUB überläuft habe ich noch genug Lesestoff.

    Liebe Grüße
    Lara von Lissianna schreibt

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  4. Liebe Nicole,

    hmm, das Buch stand auf meiner Wunschliste, aber ich habe keinen starken Magen. Ich streiche es wohl besser wieder :-)

    Liebe Grüße
    Nadine

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